Reportage – “Rente verzockt”

Update: The school picked my piece to be featured on the school’s blog. Woot! 

This is a work sample – a piece on gambling for print I wrote during my Praxis4-traineeship in a workshop with Tagesspiegel-journalist Wolfgang Prosinger. Enjoy – and if you do, let me know ;)

Rente verzockt

Häkeln und stricken? Für Margarete* unerträglich langweilig. Die Rentnerin hat sich ein spannenderes Hobby gesucht – um die Einsamkeit im Alter zu bekämpfen. Margarete ist spielsüchtig.

Jeden Nachmittag setzt Margarete sich im gemütlichen Berlin-Charlottenburg in den Bus. Die Nummer 123 ist ihr Fluchtfahrzeug ins Abenteuer. Ziel der Reise ist ein eher unauffälliger Ort: Ein Wettbüro in Moabit, einem alten Arbeiterviertel. Hier, wo es mehr türkische Gemüsehändler als Supermärkte und mehr Internetcafés als Cafés gibt, steigt sie aus. Jeden Tag. Seit zehn Jahren. Sie nimmt ihren Stammplatz ein, lehnt sich über den Tisch, stützt den Kopf auf die Hand und füllt ihren Schein aus. In gebückter Haltung sitzt die 58-Jährige dann bis spät in den Abend hier, redet wenig und beobachtet.

Das Wettbüro als Wohnzimmer

„Ich verspiel hier meine Rente“, sagt Margarete, ohne eine Miene zu verziehen. Aus ihrem schmalen Mund klingt das wie ein kalkuliertes, harmloses Spiel. Jeden Tag setzt sie etwa fünf Euro ein, Anfang des Monats auch mal zehn. Das geht an den Geldbeutel. 440 Euro Rente plus 60 Euro Schwerbehindertenzuschlag. Damit muss sie auskommen. „Für den Rest des Monats habe ich noch 15 Euro zum Leben“. Es ist Mitte Oktober. Für die Rentnerin mit den ausgewaschenen Jeans, dem ausgewachsenen Raucherhusten und den ungewaschenen Haaren kein Grund zur Unruhe: „Ich war arbeitslos, dann kam ich in Rente. Ich hab‘ keine Familie, die sich kümmert. Was soll ich denn machen?“ Daheim alleine Fern zu sehen sei doch langweilig. Früher habe sie gelesen. Nachkriegsgeschichten oder die Buddenbrooks. Geschichten vom Aufbau. Doch das machen die Augen nicht mehr mit. So ist das Wettbüro für die Rentnerin ein zweites  Wohnzimmer geworden. „Alle, die hier sind, sind einsam. Viele spielen aus Langeweile“.

„Alle, die hier sind“ – das sind an diesem Abend vor allem Männer. Ein paar verschrobene Deutsche, die unverständlich vor sich hin murmeln und sich das WM-Qualifikationsspiel Deutschland-Schweden ansehen. Deutschland liegt 0:1 zurück. Einer von ihnen trägt eine Baskenmütze, eine dickglasige Brille und redet immer zu vom großen Gewinn. Ein anderer trägt eine orangene Mütze tief ins Gesicht und singt nach einem Plan, den nur er selbst kennt, unverständliche Liedzeilen.  Der Großteil aber sind junge Araber, die aufgeregt brüllen, wenn ein Tor für oder gegen ihre Wette fällt.

Eine Bahnhofshalle strahlt mehr Wohnzimmeratmosphäre aus. Die Fenster im kleinen Raum sind nicht nur außen abgeklebt, sondern innen mit Holz verbarrikadiert. Luft zirkuliert nur durch die hektisch drehenden Ventilatoren an der Decke. Trotzdem ist es erstaunlich kalt. Die abgestoßenen Möbel und Tresen sind verkrustet. Auf den Tischen und auf dem Boden liegen Tabellen und Wettscheine weit verstreut wie Herbstlaub auf der Straße. Immerhin riecht es nicht nach Rauch, geraucht wird draußen in der Kälte – wenn man sich vom Bildschirm reißen kann. Über ein Dutzend Bildschirme mit Sportereignissen flimmern hier – gewettet wird heute auf Fußball, aber eigentlich auf jedes Sportereignis. Ein weiteres Dutzend Bildschirme zeigt die Wettquoten in einer Übersicht, die alles andere als übersichtlich ist. Einige Herren trinken Bier aus Flaschen. „Ich trink hier nur Wasser“, sagt Margarete und leert den Papp-Kaffeebecher vor sich. „Der Kaffee ist schrecklich“.

“Krank sind wir hier alle”

Inzwischen steht es 2:2 zwischen Schweden und Deutschland. Plötzlich beginnt Margarete wieder zu reden, ohne die Augen von den Bildschirmen zu nehmen. „Krank sind wir hier alle“, sagt sie und wie auf Kommando springt ein älterer Araber auf. Er grölt, brüllt, hebt einen Gartenstuhl vor seine Brust, macht Geräusche wie aus einem Maschinengewehr und dreht sich dabei im Kreis. Führung für Deutschland durch Andre Schürrle. Sie blickt kurz auf: „sag‘ ich doch“. Dann steht sie auf und kramt aus einem Schrank einen Flyer. Es ist ein Selbsttest: „Sind Sie gefährdet die Kontrolle über ihr Wettverhalten zu verlieren?“ Darauf eine Liste mit elf Fragen wie „Glauben Sie, dass Sie Wettergebnisse vorhersagen können?“ „Versuchen Sie Ihre Wettleidenschaft zu verheimlichen?“, „Leiden Sie unter Ihrem Wettverhalten?“ „Nur eine von elf hab‘ ich mit ‚Nein‘ beantwortet“, sagt sie, wieder ohne eine Miene zu verziehen.

Der Flyer kommt von der Initiative Verhaltenssucht am Uniklinikum Mainz. Martin Weberer ist einer der Berater, der dort im Büro an der Hotline für Süchtige sitzt. Rund 550 Spielsüchtige rufen hier pro Jahr an. Ein Viertel davon Sportwetten-Spieler. Der studierte Psychologe scheut sich vor Ferndiagnosen, aber große Zweifel an einer Spielsucht hat er in Margaretes Fall nicht. Kontrollverlust, Fortsetzen des Spiels trotz negativer Konsequenzen, sich Geld leihen – das seien Anzeichen für eine Sucht. Die meisten Anrufer spielen an Automaten, doch die Symptome sind gleich. „Oft führt die Sucht zu Problemen mit der Familie“, sagt er übers Telefon. Der Impuls für viele, Hilfe zu suchen.

Sie hat verloren, nicht nur Geld

Über diesen Punkt ist Margarete längst hinaus. Angefangen hatte sie mit Pferderennen bei einer Derby-Woche in Berlin 1996. Sie hatte ein paar Erfolge, damit war sie am Haken. Heute wettet sie auf alles, aber am liebsten Tennis. Für Weberer  ist das ein klassisches Muster: „Wer am Anfang einen höheren Gewinn hat, bleibt oft dran. Die Suchtgefahr ist hoch, auch wenn Menschen die Statistiken kennen und wissen, dass sie langfristig nur verlieren können“.

Margarete hat verloren, nicht nur Geld. Beim Thema Familie erstarrt das Gesicht der redseligen Frau, ihre Augen werden wässrig. „Meine Tochter wohnt in der Schweiz und interessiert sich nicht für mich. Sie findet es nicht gut, dass ich spiele. Aber wir haben kaum Kontakt.“ „Haben Sie familiäre Probleme wegen Ihres häufigen Wettens?“ Frage sechs auf dem Flyer. Sie hat „ja“ angekreuzt. Auch bei Frage zwei ein Kreuz: „Haben Sie schon einmal probiert mit dem Wetten aufzuhören und es nicht geschafft?“.

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Wieder Schürrle: 4:2 – scheint jetzt keinen mehr zu interessieren. In einer Kneipe begänne jetzt der allgemeine Jubel. Sie habe mal versucht aufzuhören, erzählt Margarete. Sogar eine Psychotherapie habe sie angefangen, dann aber abgebrochen. „Da hätte ich Sachen aufarbeiten müssen, die ich gar nicht aufarbeiten will“, sagt sie. „Wenn man spielsüchtig ist, macht man Dinge, die nicht gut sind, auch mit der eigenen Familie“, und plötzlich spielt sie mit ihren Fingernägeln und blickt konzentriert auf einen Bildschirm. Nichts regt sich in diesem Moment im Länderspiel. Dann entspannt sich ihr Gesicht und sie blickt im Raum umher. „Ich habe gerade 70 Euro gewonnen“. Deutschland – Schweden?

Nein, Montenegro gegen Moldawien. Sie hat gewettet, dass beide ein Tor schießen  und hat den winzig kleinen Bildschirm mit dem Verlauf den ganzen Abend nicht aus den Augen gelassen. Triumph oder Freude zeigt sie aber nicht, eher Enttäuschung, dass die Spannung vorbei ist. „Wenn es nicht so spät wäre, würde ich jetzt weiterspielen“, sagt sie, während sie ihre Handtasche packt. So sei das eben. Sie sehe nicht, wie sich das noch ändern sollte. „Man hofft nicht nur zu gewinnen, man will auch einfach dabei sein, fiebern, man wird hibbelig.“ Bevor sie aus der Tür geht, um in die 123 zu steigen, fragt sie noch der Form halber, wie Deutschland gespielt hat. „5 zu 3 gewonnen“ ruft einer hinterher. Eigentlich irrelevant. Nach dem Spiel ist eh vor dem Spiel.

*Name geändert
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